Mittwoch, 20. Juli 2016
Shibuya
Entlang der Dogenzaka ist das Leben ein Spiel. Jeder Spielsalon suggeriert DAS Spiel des Lebens, bunte Farbe blinken von überall, verrückte Frisuren und kostümierte Mädchen im Manga-Style locken mit niedlichen Posen in die Spielsalons. Alles spricht: Werbetafeln, Werbebusse mit Lautsprechen fahren vorbei, eine Gruppe aufgeregter Mädchen steht neben mir, sie halten ihre Smartphones vors Gesicht und im Chor ertönt “kawaiiiiiii” (“cute” / “niedlich” / “süß”). Das Selfie geht direkt ins Netz. Frei verfügbares WIFI gehört an vielen Metrostationen und öffentlichen Plätzen zum guten Ton. Ich fühle mich von all den Farben und Tönen überrollt. Ich stehe an der bekannten Shibuya-Kreuzung mit den vielen Zebrastreifen, ich warte mit hunderten Menschen auf das Signal, die Straße zu überqueren und dann geht es los: GRÜN! Der Ameisenhaufen setzt sich in Bewegung und strömt im geordneten Chaos durch die Straßen. Es ist die wohl beschäftigste Kreuzung der Welt, der Times Square muss eine Ruheoase dagegen sein.
Mariana, Robin und ich entscheiden uns für eine Pause. Im Untergeschoss eines engen Hauses finden wir Platz in einer japanischen Suppen-Küche, es gibt Ramen! Am Eingang bestellen wir an einem Automaten unsere Suppen. Sieht aus wie ein Zigarettenautomat, einfach den Knopf mit dem Bild des Essens drücken, das man bestellen möchte, Münzen einwerfen und Bestellung abgeschlossen. In der Küche kochen dann tatsächlich echte Menschen, keine Roboter. Innerhalb weniger Minuten stehen die drei Suppen auf dem Tisch.
Ruhepol Yoyogi
Es zieht uns aus Shibuya raus in den Yoyogi-Park. Hier finden wir riesige Grünflächen und das Olympische Dorf der Sommerspiele 1964. In 4 Jahren, 2020, wird Tokyo wieder Olympiastätte sein. Neben all dem Hype ist vor allem die “Baustelle Tokyo” omnipräsent. An vielen Stellen werden neue Parkhäuser und Anlagen errichtet, Straßen erneuert und verschönert, um das “Zukunftsimage” der Stadt bis 2020 zu perfektionieren.
Am Meiji-Schrein ist es weniger ruhig als erwartet, viele Menschen wuseln umher, besonders viele Gaijin (“Westliche Menschen”) finden sich ein und beschämen mich. Es wird ausdrücklich und unübersehbar auf das Fotoverbot verwiesen, aber die meisten Gaijins fotografieren unbedacht drauf los und respektieren weder das heilige Interieur des Schreins noch die Privatssphäre der Mönche oder die höflich erbetenen Waschrituale, bevor man die Treppen auf dem Weg zum Schrein betritt. Oftmals befindet sich ein geweihter Baum in der Nähe des Schreins, dort werden hölzerne Gebetstafeln aufgehängt, die mit Versen oder Wünschen beschrieben werden können. Wenn der Wind durch die Tafeln weht, fangen sie sanft an zu klappern und die Gebete werden erhört.
Rush-Rush Hour
Wir fahren mit der Ringlinie ‘Yamanote’ weiter und treiben im Feierabendstrom mit den white collars nach Hamamatsucho. Tausende Menschen in schwarzen Anzugshosen und weißen Hemden stehen am Bahnsteig und bewegen sich einheitlich in die Bahnen. Die Bahnen halten an exakten Punkten, die mit Wartelinien versehen sind. An den Wartelinien stellen sich alle Passagiere geduldig hintereinander, sobald die Bahn ankommt, beobachte ich einen reibungslosen Ablauf von Aussteigen, Einsteigen, niemand “tanzt aus der Reihe”. Das Bild an den Bahnsteigen und Metrostationen ist überwiegend von männlichen Passagieren geprägt. In den Bahnen selbst ist es unvorstellbar leise. Das liegt zum Einen daran, dass die Mehrheit der Fahrgäste sofort einschläft; ob im Stehen oder im Sitzen, es dauert keine Station, bis die Augen zufallen und sich der Kopf auf die Schulter des/r Sitznachbar/in bewegt. Zum Anderen könnte die Stille in den mehr als überfüllten Bahnen auch an der “Ich-Kommunikation” mit dem Smartphone liegen. Wer nicht schläft, WhatsAppt, spielt oder shoppt mit dem Smartphone. Telefonieren ist während der Stoßzeiten in den Bahnen übrigens verboten.
Stadt ohne Ende
Vom Skydeck des Tokyo World Trade Centers sehe ich einfach kein Ende der Stadt. Doppel- und Dreistöckige Schienen schlängeln sich durch die Häuserschluchten. Auf allen Ebenen ist Betrieb. Hier ist es wieder, das Bild einer Zukunftsstadt, die keine Utopie mehr ist. Ich denke unweigerlich an Jacques Tati’s Protagonisten Monsieur Hulot (Les vacances de Monsieur Hulot, 1953), der ganz fassunglos vor den Glasgebäuden steht und in all der gläsernen Transparenz keinen Durchblick hat, der permanent auf der Suche ist und sich gehetzt fühlt… Auch ich verliere mich nun in dieser “Moderne”.
Von hier oben wirkt alles unglaublich surreal. Es gibt einfach keine Begrenzung. Wo ist das Ende dieser Stadt? Wie viel Strom Tokyo wohl braucht, um dieses Leben tagtäglich aufrecht zu erhalten? Wie viel Lichtverschmutzung man hier wohl messen kann? Ich wüsste ganz gern, wie viel CO2-Emissionen Tokyo an einem Tag ausstößt, inklusive der 2 Flughäfen Haneda und Narita mit insgesamt 6 Terminals.
Hier, im 40. Stock, wandelt sich das Bild. Die Aussicht versetzt die anderen Gäste um mich sichtlich in Erstaunen; ich staune auch – über die Ausmaße und Maßlosigkeit, die mir nun zu Füßen liegt. 13 Millionen Einwohner allein in Tokyo und hinzu kommen noch mal 37 Millionen in der Metropolregion um Tokyo. Wo finden diese Menschen Platz?
