Toiletten für Techies: Wer spricht da?

Was tun, wenn’s schnell gehen muss?

Das erste Bedürfnis nach Ankunft in Tokyo war mir ein sehr Dringliches! Ich war auf der Suche nach einem internationalen Toilettenzeichen, das in der Regel eine weibliche und eine männliche Gestalt mit richtungsweisendem Pfeil zeigt. 
Wenn’s schnell gehen muss, werden die Augen zum Radar und suchen alles ab! Hauptsache in Bewegung bleiben, jetzt bloß nicht stehen bleiben.

Ah, endlich! Ich hatte das WC-Zeichen erspäht und bin schnurstracks darauf zu gelaufen. 

Die eingebauten Lichtschranken vor den Toiletten am Flughafen begrüßen die WC-Besucher*innen aus irgendwelchen Lautsprechern auf Japanisch und dann muss man sich entscheiden: Toilette links: Japanese-Style, Toilette rechts: Western-Style! 
Ok, keine Zeit für langes Abwägen, Links!

“Japanese Style”

Aha! Ein ovales Bodenbecken also. Das Hock-Klo, über das man sich möglichst flach und mit dem Gesicht zur Wand blickend hockt, ist die bodenständige Variante der Bedürfnis-Praxis (im wahrsten Sinne des Wortes). 
Von nebenan ertönt plötzlich elektronisches Vogelgezwitscher. Dann das nachempfundene Geräusch einer Toilettenspülung und anschließend so etwas wie ein Wasserfall. Ich gebe zu, ich war etwas irritiert. Wer testet denn jetzt seine Old-School-Klingeltöne? 

“Western Style”

Die Töne kamen aus dem rechten Gang, dort, wo die “Western Style”-Toiletten sind. Ich schaute mir die Klo-Kabine ausführlich an und schloss mich konsterniert und fasziniert zugleich darin ein. Die Form entspricht der Euro-amerikanischen Kloschüssel, wie wir sie auch in unseren Breitengraden vorfinden, der Rest ist die japanische Interpretation von “Western-Style”. 

Ich sehe eine wahre Entertainment-Toilette von Panasonic vor mir, ausgestattet mit übermäßig vielen Knöpfen. Offensichtlich kann diese Toilette mehr als nur Spülen.
Ok, mal sehen… Da wäre zunächst die Sitzheizung. Eine Sitzheizung??? Ernsthaft? Tatsächlich! Draußen sind es ca. 36 Grad Celsius, die Räume werden auf 21-23 Grad Celsius runter gekühlt und auf dem Klo wärmt man sich den Po? 

Die Sitzheizung läuft offenbar bei einigen Modellen permanent, ich habe alle Knöpfe ausprobiert und keiner schaltet die Toilettensitz-Heizung ab. Man könnte zwar den Stecker ziehen, aber dann verabschiedet sich auch die Spülung. 


Unbedingt die Privatsphäre-Einstellungen beachten 

Als nächstes drücke ich den “Sound-Knopf”. Da kommen wir der Sache schon näher: Hier kann man also seine “Privatsphäre-Einstellungen” anpassen. Möchte man die anderen Toilettennutzer*innen nicht mit eigenen Geräuschen belästigen, drückt man den Sound-Knopf und die Vögel fangen an zu zwitschern. Die Lautstärke lässt sich hierbei selbstverständlich regulieren, für mein Lautstärkeempfinden ist die niedrigste Stufe immer noch ziemlich laut.

Mit dieser Funktion soll es wohl weniger um das Verschleiern des eigenen Bedürfnisses gehen, als viel mehr um einen empathischen Akt: Die eigenen Geräusche beim Verrichten der Notdurft sollen übertönt werden, um das potentielle Ekelgefühl, dass sich bei anderen Toiletten-Nutzer*innen einstellt, sobald sie etwas hören, zu unterdrücken.

Die meisten Toilettenräume, die ich bisher aufgesucht habe, waren mäßig bis stark parfümiert. Auch hierfür gibt es einen Knopf an der “Armlehne” der Toilette, über den man Duft (vorzugsweise Wasserlilie oder “Ozeanbrise”) in verschiedenen Abstufungen freisetzen kann. Ich verstehe nicht, warum natürliche Vorgänge des menschlichen Körpers mit elektronischen Melodien übertönt und natürliche Gerüche mit Parfüm “neutralisiert” werden müssen. Gerüche und Geräusche werden als unhygienisch vermarktet, lieber eine künstliche Brise Meer versprühen und ein beruhigendes Meeresrauschen darüber legen. Gleich viel besser!

Wasser: M-arsch!

Beim Versuch die Sitzheizung auszustellen, habe ich alle Knöpfe gedrückt, die die Armlehne zu bieten hatte. Auch den Wasserstrahl-Knopf von unten. Davon gibt es zwei, einen für vorne und einen für hinten. Kurzer Schreckmoment, einfach sitzen bleiben. Und natürlich lässt sich auch bei diesem Feature die Wassertemperatur einstellen. 

Bloß nichts anfassen

Das Sauberkeits- bzw. Reinlichkeitsempfinden hat einen extrem hohen Stellenwert in der japanischen Gesellschaft. Die Entertainment-WCs sprechen für sich und das Thema Mundschutz sei nur am Rande erwähnt!

Prinzipiell müsste man nichts anfassen, alles funktioniert mit Bewegungssensor: Seife, Wasserhahn, Klospülung, Desinfektionsmittel, Handtrockner, Klotüre, Intimreinigung … Funktioniert (fast) alles von selbst. Einige Restaurants und Touristeninformationen schicken ihre Roboter, wenn Nicht-Japaner vor der Tür stehen. Die Roboter reagieren automatisch auf die laut ausgesprochene Sprache und haben 5-7 Sprachen einprogrammiert. Vielleicht sollte man sowas noch ins Toi-tainment einbauen, damit der “Western-Style” komplett ist. 

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