Samstag, den 23. Juli 2016
Mit dem Shinkansen von Tokyo nach Okayama
Wir fahren von Tokyo mit dem Superschnellzug (jap. Shinkansen, bedeutet wörtlich übersetzt „neue Stammstrecke“) nach Okayama. Bevor wir in den Zug steigen, kaufen wir uns ‘local-like’eine Eki-Ben (=Bahnhof-Bento) mit verschiedenen japanischen Köstlichkeiten, wie zum Beispiel Klebreis, Algensalat, Sushi, Fisch und Mochi-mein absoluter Lieblingssnack. Mochi sind runde Reismehl-Taschen, gefüllt mit süßem Azuki-Bohnenmuß. Manchmal gibt es sie auch mit Matcha-Füllung. Ich mag die gummiartige Konsistenz und den Bohnenstampf im Inneren, der eigentlich immer aus dem Mochi quillt. Die Eki-Ben gehört in Japan übrigens zu jeder (längeren) Zugfahrt dazu. Jeder Fahrgast schmatzt leise vor sich hin und wählt grazil mit den Stäbchen das nächste Häppchen aus der kunstvoll gestalteten Pappbox.
Für die Shinkansen gibt es extra Gleise, die einen reibungslosen Ablauf ermöglichen, sodass alle Züge von JR (Japan Railway) zu 99.8% pünktlich abfahren/ankommen. Mit 320km/h fahren wir von Tokyo nach Okayama. Nach 4 Stunden haben wir 750km geschafft und sind am Ziel. Zum Ein- und Aussteigen an den Zwischenhalten bleiben den Passagieren nur 30 Sekunden. Alles läuft sehr organisiert ab, jeder weiß, wo er stehen muss und kann schnell in oder aus dem Zug steigen. Dann ertönt auch schon der Dreiklang zur Abfahrt, die Türen schließen und der Zug fährt weiter. Kein Warten, kein Pardon. Niemand springt hier noch schnell in die Tür. Das wäre tödlich. Im Zug ist es mucksmäuschenstill. Auf der linken Seite gibt es drei Sitze, rechts zwei Sitzplätze. Sobald der Schaffner die Tür öffnet und das Abteil betritt, verbeugt er sich mit dem Gesicht zu allen Fahrgästen gewandt und bedankt sich, dass wir mit diesem Zug fahren. Dann kontrolliert er unsere JR Pässe sowie unsere Reservierung, nickt freundlich, bedankt sich und dreht sich vor dem Verlassen des Abteils wieder mit dem Gesicht zu allen Fahrgästen, verbeugt sich und nuschelt ein höfliches “Vielen Dank, dass Sie heute mit diesem Zug fahren”.Die Kleidung der JR-Zugbegleiter*innen könnte locker auch von Flugbegleiter*innen getragen werden, heißt: Sie ähneln sich sehr.
Kollektiver Hype um die Taschenmonster
Am Bahnhof von Okayama angekommen, fällt uns sofort die riesige Gruppe Jugendliche auf, die sich Flashmob-ähnlich um den Bahnhof versammeln. Es ist bereits dunkel und die Handydisplays leuchten überall wie Glühwürmchen. Uns ist sofort klar, was hier vor sich geht: POKÈMON GO! Mit 10 Tagen Verspätung ist die App nun auch in Japan verfügbar und die Leute drehen völlig durch.
Die App zeigt mit Hilfe von GPS verschiedene Pokémon-Charaktere (Pokémon = Poketta Monsuta, engl. Pocket Monster) in der realen Umgebung, die man finden und sammeln kann. Ich vermute Pikachù ist sowas wie die all umkämpfte Trophäe unter allen gesammelten Pokémon. Mehrere Menschen versammeln sich an diversen realen Orten, um ihre Pokémon gegeneinander antreten zu lassen. Ich bin über das Ausmaß an Pokémon-spielenden Menschen jeglichen Alters erstaunt, und überrascht. Ich erinnere mich, dass Pokémon vor ca. 17 Jahren ein ziemlich großes Ding war. Damals war ich in der 4. Klasse.
Wir kommen mit ein paar japanischen Jugendliche ins Gespräch, sie erklären uns den Hype um Pokémon 2.0, den ich trotzdem nur schwer nachvollziehen kann, aber sie sagen: „It’s our culture! We love Pokémon Go!“
Ja, ganz Japan liebt es! Und „es“ meint hier unbedingt auch die elektrisierende Digitalkultur, die in den urbanen Zentren Japans gelebt wird und sich natürlich auch über die Metropolregionen hinaus weiterpflanzt. Zum Beispiel das Bezahlen per NFC (NearFieldCommunication), einfach an der Kasse das Handy auf ein markiertes Feld legen und der Betrag wird abgezogen. Das Smartphone scheint der/die beste Begleiter*in im Alltag zu sein. Ich beobachte oft, wie selbstverständlich die Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit von statten geht. Das soziale Umfeld als Digitalsparte – analoge Beziehungen sind nur noch Randerscheinungen. Selfiemania, Food-Photography, Foto-Apps, die die Haut weißer und die Augen größer machen, bestimmen den Alltag über die Szeneviertel hinaus.
Mariana, Robin und ich haben uns in einem kleinen japanischen Apartment niedergelassen und genießen das entspannte Dasein im idyllischen Okayama. Genau das Richtige nach dem hektischen Großstadttreiben in Tokyo und perfekt, um sich auf die bevorstehende Hochzeit von Yoshie und Roman vorzubereiten. Wir schlafen wieder typisch Japanisch auf einer Roll-Matratze und meinem Rücken geht es tatsächlich besser denn je.
